Der IC5-Zug sammelte ab 05:58 die Teilnehmer der Wanderungen in St. Gallen ein und nahm die „Winterthurer“ im zweitvordersten Wagen auf, bevor er sie bequem ohne Umsteigen über die Jura Südfuss-Linie nach Neuenburg brachte. Bedauerlicherweise gab es im mitgeführten Speisewagen kein Wasser, sodass die früh aufgestandenen Ostschweizer keinen Kaffee bekamen. In Neuenburg stiess ein weiterer Wanderfreund aus der Nähe von Bern zur Gruppe hinzu und ergänzte diese. Mit dem Lokalzug ging es weiter in das grüne Val Travers. Der eigentliche Startpunkt für die Wanderung auf den Kamm des Creux de Van ist Noiraigue. Von dort führt ein Zickzack-Weg durch einen Buchenwald direkt zum steil abfallenden Rand des Creux du Van. Wir fuhren jedoch mit dem Zug eine Station weiter bis Travers und wählten den längeren, aber sanfter ansteigenden Weg hinauf.
Nach einem etwa anderthalbstündigen Aufstieg durch den Wald erreichten wir eine kleine Lichtung, die sich für eine erste Pause anbot. Im weiteren Verlauf des Weges wurde das Gelände zunehmend flacher, bis wir auf die für den Jura charakteristischen Weiden mit grösseren Bäumen und Baumgruppen stiessen. Schon bald gelangten wir zur Ferme Soliat, wo bereits die Vorbereitungen für die bevorstehende Sommersaison der Alpwirtschaft im Gange waren. Da es für eine Einkehr noch zu früh war, setzten wir unseren Weg zum Rand des Plateaus fort, um die Aussicht in die Tiefe zu geniessen.
Eine Steinmauer markiert die Abbruchkante; an einigen Stellen ermöglichen Lücken in der Mauer den Zugang zu Vorsprüngen, von denen aus ein beeindruckender Blick in den Kessel möglich ist. Zahlreiche Fotos wurden aufgenommen, um die Szenerie festzuhalten. Nachdem wir zunächst vorwiegend die Tiefenlandschaft betrachtet hatten, wollten wir auch das Alpenpanorama bewundern. Dazu begaben wir uns zum Aussichtspunkt Le Soliat und entfernten uns etwas vom Rand. Während unseres Picknicks auf der Wiese bot sich ein weiter Blick über die Gipfel der Berner Alpen bis zum Genfersee. Besonders hervorzuheben ist der schneeweisse Mont Blanc, der alle anderen Gipfel nach Süden überragt. Die Gipfel der Ostschweiz waren hingegen im Dunst leider nur schwach erkennbar.
Nach einer Stärkung und kurzer Erholung setzten wir unsere Wanderung fort und kehrten zum östlichen Rand des Creux de Van zurück. Von diesem Standpunkt aus ist die kreisförmige Formation des Felskessels sehr gut sichtbar. Ein beliebter Aussichtspunkt war vorübergehend gesperrt, um das Gelände zu schützen. Dennoch boten auch andere Stellen beeindruckende Ausblicke. Am Ostrand befindet sich üblicherweise eine Kolonie von Steinböcken und Steingeissen, die wenig scheu zeigen und häufig von Besuchern fotografiert werden. Heute konnten jedoch keine Tiere beobachtet werden – vermutlich dachten die Tiere: «Angesichts der heutigen geringen Besucherzahl lohne es sich das Posieren für die Fotos nicht» . Anschließend begannen wir den Abstieg. Anstatt den rot-weiß markierten direkten Weg zu wählen, entschieden wir uns für den komfortableren Wanderweg, der in einer Schleife über die Ferme Favre zur Ferme Robert führt, wo allerdings aufgrund des Wirte-Sonntags keine Einkehr möglich war. Eine Pause und ein Schluck wären willkommen gewesen. Wir nutzten wir unsere mitgebrachten Getränke für eine kurze Rast, bevor wir den restlichen Weg durch die «Gorges d’Areuse» antraten.
Die eigentliche Schlucht war zwar nicht besonders lang, doch das Steinbogen-Brüggli über die großen Wasserbecken beim Wasserfall sorgte für eine romantische Atmosphäre und bot tolle Fotomotive. Nach dem schmalen Abschnitt öffnete sich das Tal etwas, und der Weg verlief eben entlang der nun sanft fliessenden Areuse in Richtung Champ Moulin. Die frisch ausgetriebenen, hellgrünen Buchenblätter spiegelten sich im ruhigen Fluss und strahlten im Sonnenlicht, wodurch die Umgebung zauberhaft wirkte und die Anstrengung der letzten Meter unserer langen Wanderung leichter fiel.
Nach rund 6 ½ Stunden erreichten wir das malerisch gelegene und nostalgische Hotel de la Truite in Champ Moulin. Dort genossen wir im lauschigen Restaurantgarten die wohlverdiente „Nussbaumer-Runde“. Der historische Ballsaal im Nebengebäude lud noch zu einer kurzen Besichtigung ein. Wir ließen uns Zeit und nahmen deshalb erst die übernächste Verbindung nach Hause, was sich als Vorteil erwies, da wir von Neuchâtel eine Direktverbindung bis St. Gallen hatten.
Am Perron in Neuchâtel hielt der Speisewagen des IC5 nach St.Gallen direkt vor uns – warum also nicht noch einen Aperitif auf dem Heimweg geniessen? Die ermüdeten EWFler stiegen ein, doch leider war es wieder der Wagen ohne Wasser oder Kaffee. Die Mitarbeiterin entschuldigte sich, aber wir wollten ohnehin lieber kühle Getränke, und auch das Kalte Plättli auf einem Kartonteller schmeckte, selbst ohne SBB-Porzellan. Denn der Geschirrspüler funktionierte mangels Wasser ebenfalls nicht. So kamen wir schliesslich entspannt und zufrieden an unseren Zielorten an – nach einer anspruchsvollen, gelungenen und sehr schönen Wanderung.
Der Tourenleiter:
Jakob Blickenstorfer, Winterthur



